TANTRA

 

 

1. Erklärung Tantra           2. Yoga & Tantra

3. Tantra & Sexualität           4. Traditionen

5. Praxis oder „Weg des goldenen Herzen“

 

 

 

„Kein Weg ist höher zu erachten als jener, der sich nicht scheut,

in die Wirklichkeit einzutauchen.

Ausserhalb der Wirklichkeit gibt es keine Spur des Absoluten!“

 

Lalita Devi

 

 

 

 

1. Erklärung Tantra

 

Tantra (Sanskrit Wortwurzel tan = ausbreiten, fortsetzten, vermehren, entwickeln, entfalten) bedeutet

„Ausdehnung des Bewusstseins“.

 

 

Tantra ist reines Bewusstsein – bewusstes Sein. Das bedingt ein inneres Stillsein, mit dem was wirklich ist.

Tantra ist kein Konzept, keine Idee, keine Ideologie – es ist ein Nicht-Weg. Es ist ein immer wieder neues, achtsames Hinschauen und Beobachten, wie sich die Schöpfung in ihrer unendlichen Vielfalt gerade offenbart.

Deshalb wäre es für die folgenden Ausführungen hilfreich, wenn man alles bisher geglaubte, was Tantra sei, vorerst vergessen würde.

 

Tantra ist die einzige Philosophie, Metaphysik, Theologie, Religion und spirituelle Praxis, die von der Vollkommenheit in Allem ausgeht – es gibt nichts zu erreichen, nirgends hin zu kommen, nichts zu tun, nichts zu verändern –nur:

 Bewusst zu Sein!

Das ist alles. Das ist der goldene Schlüssel ins Königreich. Das ist Tantra.

Bewusstes Sein ist ein Einfliessen in den Strom des Lebens – ein bedingungsloses JA an die gesamte Schöpfung und an das Leben selbst.

Denn das Leben hat immer Recht!

Nichts wird ausgegrenzt, abgespalten, bleibt ungesehen, ungeachtet – alles hat seinen Platz - alles wird benutzt für die Ganzheit, Einheit und um Vollkommenheit zu erlangen.

„Jeder Stein der mir in den Weg gelegt wird, nutze ich um mein Schloss zu bauen“ Goethe

 

Die Ausdehnung des Bewusstseins läuft über die Sinne. Die Sinnlichkeit im Zusammenhang mit Tantra wird fälschlicherweise ausschliesslich auf die Sexualität beschränkt.

Riechen, Schmecken, Sehen, Berühren und Hören müssen etwas, jemanden wahrnehmen – und das führt zum 6. Sinn – dem Bewusstsein.

Der 7. Sinn entspricht dann dem allumfassenden, unpersönlichen Bewusstsein. Tantra ist ein direktes und ungeteiltes Wahrnehmen aller Sinne – mit dem konkreten Ziel von göttlichem Bewusstsein.

 

Die Sinne werden durch Reinigung, Kräftigung und Harmonisierung (z.B. durch Hatha-Yoga) verfeinert und ausgedehnt, wodurch eine erhöhte Energie eintritt, welche - den meisten Menschen noch - unbekannte Dimensionen der Wahrnehmung eröffnet.

Die Sinne finden ihre Entsprechung in den Chakren, Energiezentren, welche ihnen durch die Schöpfung und Evolution (Metaphysik wie z.B. auch Samkhya) zugeordnet sind.

Wird diese spirituelle Kraft Kundalini (Shakti) im Menschen erweckt, ist sie die Schöpferkraft im Menschen – diese auf die Sexualität zu beschränken, wäre genauso fatal, wie ihre sexuelle Natur zu leugnen.

 

Wo immer Leid, Schmerz und Konflikte sind, herrscht die Abwesenheit von Bewusstsein über die Wirklichkeit, das Wesen, die Wahrheit und die Essenz.

So ist Tantra ein stetiges Voranschreiten in unser Innerstes, um alles Unwissen, Konditionen, Muster, Gewohnheiten und falschen Vorstellungen (Maya) mit der reinen Wahrnehmung aufzulösen.

Im Bewusst-Sein wird alle Dualität aufgehoben, jeder Konflikt gelöst, jeder Schmerz geheilt. Jede Angst schwindet, jede Lösung offenbart sich, jede Frage wird beantwortet – im Licht des Bewusstseins schwindet alles Unwissen (Avidya), alleinige Ursache von allem Leid. Hierin sind sich Tantrismus,

Buddhismus und Hinduismus einig.

 

DAS LEBEN HAT IMMER RECHT

 

Wir können uns immer etwas vormachen – uns verirren – verstricken – doch im genauen und sorgfältigen Hinschauen, zu dem was ist, zeigt uns das Leben untrüglich die Wirklichkeit. Das Leben ist unser grösster Lehrmeister – wenn wir uns denn dieser Schülerschaft ganz hinzugeben vermögen.

Sich bewusst sein über die Wirklichkeit, das Wesen seiner Selbst, der innewohnenden Essenz, und dabei ohne Reaktion sein, das ist Tantra!

Der Raum oder die Ebene, die dabei erschaffen wird, ist nicht wirklich in Worte zu fassen, da sie all diese übersteigt. Es ist die Leere und Fülle gleichzeitig – jeder Dualismus ist aufgehoben – ein Zustand ohne jegliche Grenzen, in dem ALLES möglich wird.

zurück

 

 

 

 

 

2. Yoga & Tantra

 

Wer im Westen einen Yogakurs besucht, wird dort in Hatha Yoga unterrichtet. Hatha Yoga gehört – eindeutig und unumstritten – zu der tantrischen Tradition.

Das klassische Yoga definiert sich, mit dem „zur Ruhe bringen, unterdrücken der Geistaktivitäten“ (I,2) in den Yoga-Sutren nach Patanjali.

Doch die Natur ist ein ewiger Fluss, ein dauerndes Spriessen, Gedeihen, Blühen und Vergehen – und auch die Natur des Geistes ist dauernde Aktivität.

Vielleicht ist Yoga das Beruhigende und Tantra das Inspirierende…

So oder so, die Grenzen, wenn es denn welche gibt, sind vielmehr als Bereicherung auf dem Weg zur Vollkommenheit und Ganzheit zu sehen – das Paradox und die schöpferische Dualität bilden zusammen die Einheit im Kosmos.

 

Die in den klassischen Schriften beschriebenen Techniken des Hatha Yoga (wörtlich: „Yoga der gewaltsamen Anstrengung“) haben das Ziel klar definiert: Raja-Yoga – die königliche Vereinigung, das König sein.

Die Yogis beschreiben es als Zustand der Meditation – für die Tantriker ist dieser Zustand der inneren Stille und Gewahrsein, in das ganze Leben zu integrieren; somit jede Trennung zwischen Alltag und spiritueller Praxis aufzulösen und im ewigen Bewusstsein zu vereinen.

So sind auch die verschiedenen Stellungen, Asanas, im Hatha-Yoga zu verstehen: Das Leben verlangt von uns, oft fast unmögliche Stellungen und Rollen einzunehmen – und darin zwischen Festigkeit und Flexibilität ein Gleichgewicht zu erlangen.

 

Wo Yoga wie ein kriegerischer Ritter für Ordnung sorgt, für Klärung und Säuberung, Einhaltung der Gesetzmässigkeiten des Kosmos und richtungweisend ist zum Ziel der Dekodierung bis hin zur Auflösung der Ego-Persönlichkeit – ist Tantra der König: erhaben und würdevoll ist er in der Kraft, durch seine vollkommene Hingabe an die Schöpfung (Krone) ganz im Dienste und zum Wohle aller und von allem. Denn der Lohn aus der Arbeit mit Hatha Yoga erhält man in Form von Juwelen der Unterscheidungskraft, des wahren Wissen (Vidya), sowie als Erfahrung von der ewigen Einheit und Vollkommenheit.

 

Ob das Physisch ein Aufrichten der Wirbelsäule – Privileg des Menschen – aus dem Neandertaler-Dasein heraus ermöglicht oder eine freie Atmung (und dessen unvorstellbare Folgen), so sind das nur Aspekte der Entwicklungsmöglichkeiten, die dieser Weg offenbart.

 

Doch bevor nicht aufgeräumt ist, die Wunden geheilt, alle falschen Vorstellungen aufgelöst, das Unwissen erkannt und alles Wollen vollkommen losgelassen wurde – also das totale Verzichten auf das Persönliche – ist keine wirkliche Stille möglich, keine Wahrheit offenbart und keine wirkliche Freiheit vorhanden.

 

Die Stille ist tief im Herzen verborgen. Anahata-Chakra, das Herzzentrum, bedeutet der „Klanglose Klang“ oder „die Nicht-Angeschlagene“.

 

Das vollkommene Aus- und Stillhalten können, Stillsein können mit dem was ist, sich gerade zeigt, gerade Wahrnehmbar ist, in sorgfältiger Achtsamkeit – darin kann sich die Essenz, die Wirklichkeit, die ewige Wahrheit und das Wesen des Seins offenbaren.

Stillsein üben, ist Yoga – still zu sein, ist Tantra!

 

So sind Yoga wie auch Tantra als Landkarten zu betrachten, die immer zum Selbst, zur Wahrheit, zur Freiheit, zum Frieden, zur Glückseligkeit oder zur Liebe führen – dorthin, wo wir Heimat finden, all unsere Sehnsüchte Erfüllung erfahren und ein endgültiges Ankommen stattfindet.

 

Mit Recht glaubt man jedoch nichts und niemandem - mir schon gar nicht! Doch wenn die Sehnsucht lichterloh brennt, wenn die Suche erfüllt von Mut und Wahrhaftigkeit ist und die Liebe in all ihrer Macht ruft, wenn die Bereitschaft da ist für Freiheit, Wahrheit und Frieden des Ganzen zu gehen, vielleicht zu scheitern und auch den Tod nicht zu fürchten – die Leidenschaft, Inbrunst und Intensivität lichterloh brennt - dann ist jeder Widerstand aufzugeben, denn er bringt nur noch Leid, Schmerz und Qual. Und es bleibt keine Wahl mehr, als selbst mit allen Sinnen zu erfahren, ob die Weisen Wahrheit sprechen…

 

Durch die Entscheidung zu diesem Weg, die gleichzeitig ein Eintreten in die Schülerschaft der Schöpfung bedeutet, entsteht der Bedarf/Wunsch nach einem Lehrer, Meister oder einem Guru. Nur einem Wegkundigen und Erfahrenen ist für dieses überdimensionale Abenteuer als Führer zu vertrauen.

 

Tantra ist die Krönung von Yoga.

Doch einer Krone hat man würdig zu sein – und die gemeinläufige Ansicht, dass Tantra ein Weg der Ausschweifungen und Exzesse sei, hat allein mit Marktwirtschaft, und nichts mit Tantra zu tun!

 

Es ist eine grosse Täuschung zu meinen, die tantrische Spiritualität erfordere weniger Anstrengung, weil sie den Körper, die Sinne und den Kosmos einbezieht. Das Gegenteil ist der Fall. Wie das Vijnana Bhairava (Eines der wichtigsten Werke der tantrischen Tradition) deutlich macht, erfordert diese Praxis völlige Hingabe, Freiheit des Geistes von jeder Ablenkung, geistiges Heldentum und eine grosse Seele. Ein weiteres Missverständnis besteht in der Ansicht, die tantrische Spiritualität setze keine Ethik voraus oder manche alle moralischen Normen überflüssig. Im tantrischen Kontext sind nur menschlich und moralisch reife Persönlichkeiten berechtigt, sich auf einen solchen, spirituellen Weg zu begeben und in die Geheimnisse des Tantra eingeweiht zu werden.’ (B. Bäumer)

 

Wer diesen königlichen Pfad betritt, hat alle Macht des persönlichen Willens auf zu gegeben – denn allein durch Gnade können die tiefsten Einweihungen empfangen werden – und somit schützt sich das Tantra auf seine eigene vollkommene Weise selbst vor Missbrauch! - Jedoch nicht die, welche sich aus eigennützigen, egoistischen und gewinnbringenden Motiven auf diesen Weg begeben – von den unermesslichen Folgen warnt die Tradition seit jeher.

zurück

 

 

 

 

3. Tantra & Sexualität

 

Tantra ist der Weg der Liebe!

Aber weder Tantra noch Liebe sind das, was wir allgemein darunter verstehen.

Gerade weil beide Begriffe die Vorstellungen der meisten Menschen übertreffen, ist es so schwierig, diese zu erklären. Dabei beginnt man am besten mit dem, was sie nicht sind.

Tantra ist nicht Sex - genauso wenig wie Sex nicht gleich Liebe ist. Ebenso würde jedoch niemand in der Liebe, Sex ausschliessen.

Tantra heisst nicht zügellosen Sex, wilde Orgien feiern, stundenlange Orgasmen, bewusstseinserweiternde Substanzen einnehmen, mehrere Liebesgeschichten nebeneinander oder über-sinnliche Erfahrungen zu haben.

Liebe ist kein Vertrag, kein Kuhhandel, keine Bindung, kein Abkommen, kein Bündnis, kein gegenseitiges Erfüllen der Bedürfnisse oder materielle Abhängigkeit.

Und doch – all dies sind Facetten von Wegen, die zu Tantra und der Liebe führen können. Wenn denn die Grundlage der Achtung der Freiheit zum Wahrsein vorhanden ist.

Denn weder Tantra und noch die Liebe schliessen irgendetwas aus. Sie geben allem seinen Platz, allem gleichen Wert – denn schlussendlich wird eine Unausweichlichkeit der Wirklichkeit darin erkennbar und erfahrbar.

 

Beides, Liebe und Tantra, kann man nicht wirklich tun; erst wenn alles Wollen gestorben ist, kann es zugelassen werden.

Liebe und Tantra bedingen ein vollkommenes „laissez faire“!

Denn beide, die Liebe und das Tantra haben als Grundlage den Verzicht:

„Verzicht als Schicksal – Verzicht aus Liebe – Weil die Liebe es fordert – Verzicht auf alles, was sich nicht konfliktfrei entfalten kann – Verzicht auf alles, was nicht geschenkt ist – Verzicht auf Hoffnungen, Wünsche und Träume“ (Danièle und Samuel)

Und erst wenn man auf all das, was noch vom Leben erwartet, erhofft und gefordert wird, bewusst verzichtet, beginnt sich eine neue, innere Haltung einzustellen:

Was will denn das Leben von mir?

 

Liebe ist bedingungslos! Tantra ist bedingungslos!

Ein bedingungsloses JA an die ganze Schöpfung und das ganze Leben!

Sie beide sind absolut frei und unbegrenzt in ihrer individuellen Entfaltung der innersten Essenz, dem Sein und dem wahren Wesen.

 

 

An unsere Lieben haben wir sehr wohl Ansprüche, Vorstellungen und Bedürfnisse – und es kommt eher einem Kuhhandel gleich, als wenn da auch nur ein Hauch von Bedingungslosigkeit, Freiheit und Unabhängigkeit darin wahrnehmbar wäre. Doch ohne diese Qualitäten der Liebe ist kein wirkliches Erblühen möglich.

 

Gerade weil Tantra allem darin seinen Platz in der grossen Ordnung des Kosmos bietet, ist dieser Zugang zur Spiritualität in der heutigen, globalisierten Welt immer gefragter.

Tantra sagt nie: „Entweder oder“ – sondern immer „sowohl als auch!“

 

Es vereint in sich alle Lehren, Religionen, Kulturen und Lebensformen – und dass dies immer mehr zu einer Notwendigkeit und somit einem Bedürfnis der heutigen Gesellschaft wird, ist immer offensichtlicher. In den Köpfen sind wir durch die Medien schon längst miteinander verbunden – doch noch nicht in unseren Herzen...

 

Dass die Sexualität jahrhunderte lang einen diabolischen Stellenwert einnahm - was auch immer letztendlich dazu geführt hat - mag das revolutionäre Einschlagen des Tantra in unsere Gesellschaft erklären.

Das Leben und die sexuelle Kraft sind nicht voneinander zu trennen. Ohne Sex würde es uns nicht geben!

Doch ist diese Kraft nicht zu verschwenden, indem man sie entlädt aus einem kurzfristigen Bedürfnis heraus – sonst ist sie schnell verpufft und wird sich nicht als Schöpfung manifestieren. Viel mehr braucht man eine Unerschütterlichkeit, welche nur die Reife eines tiefen Prozesses hervorbringt.

 

Interessant dabei ist die Symbolik der Schlange: Allem voran hat diese seit jeher einen enorm hohen Stellenwert in allen Kulturen – und man ist sich über die göttliche Macht in ihr, global durch die Geschichte hindurch, einig.

 

Im ganzen asiatischen Bereich krönt sie wie ein Baldachin die Häupter von Buddha, Krishna, Vishnu, Ganesha und natürlich Shiva, dem Gott der Yogis und die letzte Einheit im Tantrismus. Ob als Urschlange aus dem goldnen Ei, als gekrönte Herrscherin über die Gewässer (Nagas) oder als kosmisches Bewusstsein im Menschen, Kundalini - sie besitzt einen enorm hohen Stellenwert!

 

Obwohl sie in der westlichen Gesellschaft immer noch, von den Schulmedizinern bis hin zu den Geistheilern, als Symbol der Heilung dient (Aeskulap-Stab), hat man bis heute nicht vergessen, dass sie als Ursache für den Rausschmiss aus dem Paradies verantwortlich gemacht wird – als eine Verführerin, die Früchte vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, also der Dualität, zu essen.

 

Die Kundalini, die Schlangenkraft, symbolisiert die Einigung zur Non-Dualität, der Nicht-Zweiheit – Advaita – durch reines Bewusstsein.

 

Durch die Gnade des Bewusstseins über sein Selbst, des innersten Wesens und essenziellen Seins erfährt man die göttliche Vollkommenheit – in sich und im ganzen Kosmos.

 

Der gefallene Engel Luzifer repräsentiert dagegen die Unbewusstheit – er glaubt es besser zu wissen als Gott, als die Schöpfung, als das Leben – das ist sein Fall.

 

Ist diese Bedingungslosigkeit dem Leben und der Schöpfung gegenüber das goldene Tor ins Paradies?

(Mehr zu Kundalini, der Schlangenkraft, siehe unter Texte.)

 

Dieses Ursprüngliche, Gewaltige und Archaische der Sexualität ist uns Westlern verloren gegangen. So können wir die Verehrung von Shiva-Lingam („Gottes Glied“), zum teil meterhohen Phallus-Symbolen die wir in Indien überall, vorwiegend in Tempeln zu sehen bekommen, nur schwer in seiner Dimension begreifen. (Übrigens sind die Altäre der Yoni, des weibliche Geschlechts, in den unterirdischen Tempelanlagen geheim gehalten.)

 

Noch weniger ist Maithuna, die göttliche Vereinigung zu erfassen, wie sie oft an den alten Shiva-Tempel-Wänden dargestellt ist. Aus dem Maithuna entfaltet sich die ganze Schöpfung – und es ist eine der höchsten Einweihungen im Tantra.

Das kann sich in der Sexualität manifestieren – wird jedoch auch durch das eingehauchte Leben, wie wir es aus westlichen Schöpfungsgeschichten kennen, ausgedrückt. Weshalb es auch als Kuss bezeichnet wird – denn in den Lippen ist die ganze Sinnlichkeit enthalten.

zurück

 

 

 

 

 

4. Traditionen

 

Im Tantrismus ist ohne die Gnade eines Guru (Licht in Dunkelheit) gar nichts möglich. (Auf Autoritätsprobleme gegenüber, und die vielen Fehlinformationen über das Wesen eines Gurus einzugehen, würde diesen Rahmen hier sprengen, weshalb ich es unterlasse.)

Das Ritual, das Mantra (Zauberklang) und die Sadhana (Praxis) sind weitere unerlässliche Bestanteile im traditionellen Tantrismus.

 

Zwei hauptsächliche Traditionen prägen den Tantrismus in meiner Arbeit: Der Kashmir Shivaismus und das Hatha-Yoga.

 

Hatha Yoga Pradipika, Gheranda Samhita und Shiva Samhita – das sind die drei Hauptwerke aus denen die Übungen stammen, die alle Richtungen im Westen praktizieren. Natürlich gibt es noch unbekannte Werke, die nie übersetzt wurden.

Traditionsgemäss war Hatha-Yoga in Indien immer nur für Wenige, und dies ausschliesslich Männer, zugänglich und wurde wegen seiner grossen Macht geheim gehalten. Erst durch die Öffnung von Meister Shivananda in Rishikesh, wurde es auch für Frauen und Menschen aus dem Westen zugänglich gemacht.

 

In der klassischen indischen Yoga-Tradition, wo der Körper als ein Hindernis angesehen wird, werden auch heute noch hauptsächlich Meditation und Satsang, Ausführungen zur Spiritualität, gelehrt.

Ganz anders hingegen verläuft die Entwicklung im Westen, wo hauptsächlich Hatha-Yoga als Yoga verstanden wird, von den vorwiegend weiblichen Kursteilnehmerinnen.

 

Interessant dabei ist auch die Beobachtung des Rücklaufes von Yoga vom Westen in den Osten: Heute findet man Hatha-Yoga fast ausschliesslich therapeutisch ausgerichtet – oft zusammen mit Ayurveda, wo doch jeder Inder die westliche Schulmedizin nach Möglichkeiten bevorzugt. Beides ist ganz den westlichen Bedürfnissen angepasst. Wahrscheinlich auch die Wettkämpfe an den Schulen mit Hatha-Yoga-Stellungen.

 

Der Kashmir Shivaismus wird noch viel zu Reden geben – denn er ist geradezu perfekt um den Herausforderungen unserer Zeit entgegenzutreten. Und dies nicht nur im Bezug auf die Spiritualität, Philosophie oder Religion, sondern bis hin zur Wissenschaft, wo NASA-Spezialisten den Kashmir Shivaismus studieren, weil sie dort Antworten auf ihre Fragen finden. Zudem bietet sie eine umfassende Metaphysik und eine Lehre der Harmonie und Ästhetik, welche in Poesie, Architektur, Tanz und anderen Künsten zum Ausdruck kommt.

 

Sie drückt sich nicht vor der Stellungsnahme zur hoffnungslos erscheinenden Weltsituation, sondern schafft einen Kontext zwischen Ost und West, der dabei nicht nur theoretische Antworten zu geben weiss, sondern auch einen praktischen Weg bietet, die Harmonie und das Gleichgewicht von Innen und Aussen zu finden.

Die Tradition hat sich intensiv mit dem Bewusstsein auseinander gesetzt, dessen Mangel als die Wurzel allen Leids betrachtet wird, und daraus eine spirituelle Praxis entwickelt, die unabhängig von Kultur und Religion ist.

 

Der Kashmir Shivaismus, auch Trika (Trinität) genannt, ist ein non-dualistisches System der Einheit. Das mag vorerst widersprüchlich klingen, doch kennen wir dies ebenfalls aus unserer Kultur, der heiligen Dreifaltigkeit.

Gott Shiva ist Bewusstsein – seine Gemahlin Shakti, die grosse Kraft, bildet mit ihm eine Einheit wie die Strahlen mit der Sonne. Sie ist die Vermittlerin zum Menschen, zum Individuum oder zur Seele. Sie entspricht der Kraft, die wir als „heiligen Geist“ bezeichnen.

 

Der persönliche Weg im Tantra wird offenbart, was oft ein langwieriger Prozess des Suchens und Ringens über Jahre hinweg bedeutet.

Trika gilt als die höchste der ins System von Kashmir Shivaismus eingeflossenen Strömungen. Daneben sind Pratyabhijna (Das Wiedererkennen des Göttlichen), Spanda (universale Schwingung), Kula (Gestammtheit) und Krama (Folge und Ordnung der universellen Energien).

 

Zur Vertiefung dieses überwältigenden Themas empfehle ich vertiefende Literatur.

 

zurück

 

 

 

 

 

 

5. Praxis oder „Der Weg des goldenen Herzens“

 

Würdig, erhaben, glückselig, königlich, unsterblich, strahlend, mystisch, mitfühlend, freudig, mächtig, kraftvoll, wahrhaftig, rein, edel, kostbar, still und liebend – das sind die Qualitäten eines goldenen Herzens.

 

„Das Leben hat immer Recht“ – und so stellt es auch die Weichen, die Aufgaben, die Anforderungen, die Mittel, die Richtlinien und auch die Lösungen, die unsern Weg gestalten. Bunt wie die Blumen ist die Entfaltung der Individualität – und doch wachsen sie alle aus dem gleichem Boden dieser Erde.

 

Sich selbst zu erkennen und die Einzigartigkeit unseres Wesens zum Ausdruck zu bringen, bedingt eine innere Stille – worin sich Frieden einstellen, und woraus sich die Wirklichkeit offenbaren kann. Und die Kraft für ein wahrhaftiges Sein. Um mit dem sein zu können, was wirklich ist.

 

Und genau so wie wir alles andere in unserem Leben lernen und üben müssen, ist es auch nötig, um ein stilles Sein in Achtsamkeit zu erreichen. Ohne diese Grundlage ist es, als ob jeder Samen auf Asphalt fällt…

 

Und dann stellt sich die Frage: Welchen Weg wählt man für sich?

Mutig für die Liebe zugehen oder von der Angst getrieben sein.

Die Verantwortung zu übernehmen oder sich zu beklagen und jammern.

Zu lösen oder weiter zu leiden.

Alles zu geben oder loszulassen.

Die Wirklichkeit willkommen heissen oder sich in der heissen Luft der Illusion wärmen.

Und dann stellt sich die Frage: Geht man dann gewählten Weg auch WIRKLICH?

 

Bist du für die Liebe? Ja?

Obwohl wir alle glauben uns dafür entschieden zu haben, ist jedoch kaum jemand bereit, für die Wirklichkeit der Liebe zu gehen – denn es ist ein mühsamer, anstrengender, unbequemer, ungewisser, beschwerlicher und völlig individueller Nicht-Weg, auf dem man sich dann ganz verwundert völlig alleine wieder findet…

 

Denn all der Schutt, schwer wie Blei, lässt sich im Herzen nicht so einfach in Gold wandeln – der alchemistische Prozess verlangt viel Stärke, Durchhaltewillen, Standhaftigkeit, Mut, Tugend, Klarheit, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Genauigkeit, Sorgfalt, Pflege, Kraft, Disziplin, Ernsthaftigkeit, Fürsorge, Geduld, Fleiss, Achtsamkeit, Hingabe, Bereitschaft, Überwindung und ganz viel Selbsterkenntnis!

Und vor allem einen vollkommenen Verzicht auf alles Wollen, Streben, Hoffen, Träumen und Wünschen.

Das ist der Weg nach Hause – um das zu sein, was wir wirklich sind.

 

Und das alles, um sich dessen bewusst zu werden, was schon immer war…

Doch wer sollte sich für einen solchen Weg entscheiden?

Vielleicht jemand, der erkannt und erfahren hat, dass egal, was auch immer hier in der materiellen Welt erreicht worden ist, dieses tiefe Sehnen keine Erfüllung findet, weil alles vergänglich ist.

 

Wir wurden konditioniert und programmiert, um wie eine Maschine zu funktionieren. Im schlimmsten Fall läuft es dann auch noch rund… Doch vielleicht beginnen sich Zweifel über den Sinn in dem, was man gerade noch so sehr angestrebt hat, einzuschleichen… Oder es funktioniert nicht gut und wir versuchen uns „umzuprogrammieren“… Oder aber wir entscheiden uns für die wirkliche Freiheit.

 

Freiheit wird genau so wie Tantra und Liebe missverstanden.

Freiheit ist nicht, das tun und lassen zu können, was wir wollen… Sei es durch den physischen Körper, das Leben selbst, die Gesellschaft, die Naturgesetze oder einfach die Ordnung im Kosmos – immer wieder werden wir mit den Grenzen des persönlichen Willens konfrontiert. Und das Leben hat ja immer Recht…

 

Freiheit ist ein Attribut des Geistes!

Frei von Konditionierungen, Muster, Programmen, Gewohnheiten, Zwängen, Normen, Fixierungen, Konzepten, Ideologien, Re-Aktionen, Begrenzungen, Ideen, Illusionen und Vorstellungen – das ist ein offener Geist, der wahrlich die Flügel der Freiheit ausbreiten kann, um nach Hause in den Himmel zu fliegen!

 

Wenn der Geist bewusst ist, hat man als Ziel, das Paradies, im Herzen, wohin auch immer die Wege des Schicksals führen.

 

DAS LEBEN HAT IMMER RECHT!

 

 

 

 

Geschenktes Goldherz

Durch 1001 Tode im Qualenschmerz

Löst sich auf im Dunkeln der Leere

Dringt in die tiefsten Tiefen durch Last der Schwere

Gespenstische Höllen durchqueren

Allein – still sein ist lehren

Angst und Einsamkeit werden zu Freunden

Und öffnen die Pforten zu ewigen Freuden

Weben es zu filigranen Flügeln

Das Feuer das Leiden schafft zu zügeln

Um lichterloh in Flammen zu brennen

Und sich dann als Nichts zu erkennen

 

Das Goldene fliesst in die Träume

Öffnet wundersame Räume

Mysteriums Leuchten offenbart Seligkeit

Endlich Heimkommen in die Ewigkeit!

 

 

Mitfühlend, mutig, stark und königlich

Wahrhaftig, frei, heil und unsterblich

Heil, würdig, edel und rein

Das ist, ein Goldherz zu sein!

 

 

 

zurück

 

Andrea Arnold

041 670 02 87 / 079 341 59 67